Foto: Ludovico Lovisetto


Venezia


Reisen in die nahe Fremde. Veneto - Friaul - Julisch Venetien. Auch Istrien und Dalmatien werden hier aus historischen Gründen thematisiert.




Carnevale 2019

Abfahrt 5 Uhr 15 früh, Isartorplatz Ecke Frauenstrasse, München. Der Busfahrer heisst Wolfgang.

Nach 9 Jahren bin ich wieder mal in Venedig. Mit Sophie und Gianni. An den Hotspots des Massentourismus drängen sich tausende von Menschen. Rialtobrücke, Markusplatz, Dogenpalast. Die volle, reiche Pracht. Der Tourismus zerstört seine eigenen Sehnsuchtsorte.
Doch kaum zehn Fußminuten entfernt:  Eine melancholische, morbide, vor sich hin bröckelnde, sehr alte Stadt. Ziemlich teuer dort, wo neureiche Chinesen ihre Selfies machen. Ein Schoppen Bier 4 Euro, 0,4 Liter 6,50. Mittagmenue zwischen 20 und 40 Euro, Skala nach oben offen. Die Reise selbst war dagegen ein Schnäppchen. 59 Euro hin und zurück mit  Busreisen Ettenhuber aus Glonn, Landkreis Ebersberg. Mit den Ettenhubers bin ich übrigens durch meinen bayerischen Opa entfernt verwandt. Die Einfahrt für den Bus kostet 310 Euro Tagespauschale. Wohlgemerkt, nur die Einfahrt. Abgerechnet werden die Parkgebühren stundenweise extra, bei Abfahrt. Ab Mai will die Stadt pro Besucher und Tag 3 Euro verlangen. Bei grossem Andrang auch bis zu 10 Euro täglich. Vorerst noch. Weitere Gebühren sind schon angedacht von den Stadtvätern der Serenissima.
Das 24-Stunden-Ticket für alle öffentlichen Bootslinien ist dagegen mit 20 Euro ziemlich günstig, wenn man bedenkt, dass Einzelfahrten mit 7,5o zu Buche schlagen. Zudem ist das Ticket eine Gratis-Eintrittskarte für`s Casino di Venezia, die örtliche Spielbank. Dort, im prachtvollen Palazzo Vendramin-Calergi ist Richard Wagner gestorben, dort hat er seinen "Parzival" komponiert. Der Palast wurde um das Jahr 1500 erbaut.   #Siehe auch Themenseite "Europa", Beitrag "Wagner & Walhalla. Der Fim"

Wir versuchen, dem großen Trubel zu entkommen. Vom Anleger Arsenale aus ein kleiner Spaziergang bis zum Campo do Pozzi. Und wie der Platz heißt auch die kleine Osteria dort. Specialita venezianne. Vini, Spritz e tanto altro.
Ein freundliches, hilfsbereites Mädchen, ganz im matten Schwarzton  ihrer Haare gekleidet, bietet an, auch was Anderes zu kochen, als auf der schwarzen Tafel neben dem Eingang unter Tagesgerichte steht. Über den Preis könne man reden, bei einem Glas Hauswein, dalla casa, weiß oder rot.
Es ist hier jedenfalls preiswerter als zum Beispiel im L'Ancora, meinem münchner Stamm-Italiener in der Schleißheimer Straße, eher schon Milbertshofen als Schwabing-West. Kann sein,daß sich das Lächeln unserer jungen, schlanken Gastro-Madonna vom Campo do Pozzi in der Hochsaison verliert, im Stress des Alltags. Ihre Email ist jedenfalls ganzjährig  osteriaaidopozzi@pec.it.
Nach einigen Stunden Stadtspaziergang voller Staunen, Lachen und Träumen wird es sehr kalt. Nasser Wind von der Lagune her. Erstaunlich viele Menschen sind maskiert, die meisten im Stil der Comedia dell'Arte. Stopp in der nächsten Bar. Da Dino. Sestiere Campo Duro. Außer uns sind hier nur Venezianer. Alt, jung. Maskiert, in Markenklamotten. Manche sehr elegant, manche eher ärmlich. Second hand vielleicht, aber voller Grandezza . Sogar die Polizisten mit ihren auf Taille geschnittenen Uniformen, die gelegentlich auf einen Ombra, Absacker, oder Espresso im Stehen vorbei schauen, wirken wie gutaussehende,  sportliche Cäsarensöhne, nicht wie deutsche Ordnungshüter auf Streife.
Ein Liter Hauswein aus der Karaffe, spritzig-fruchtig, 16Euro. Lustig ist die Toilette.  2 Quadratmeter. Kein Schild an der Tür. Für Männer, Frauen und Diverse  gleichermaßen. Keine Genderdebatte erforderlich. Manchmal bilden sich Schlangen. Man scherzt miteinander. Nicht alles ist jugendfrei oder politisch korrekt. Der Barmann gibt uns seinen WLan-Code.  

Vielleicht kommen wir im Sommer nochmal vorbei. Jetzt, in den ersten Märztagen, haben wir absolut nichts getan, was gemeinhin so von Touristen erwartet wird. Es gäbe hier so viele Schätze zu heben, aus Kunst, Kultur, Küche...aber nur Sehen und Hören ist ein guter Anfang.

Übrigens, waren Sie schon mal, sagen wir, in Rosenheim?  Von der Einwohnerzahl her hat es etwa die Größenordnung des historischen Venedig. Nichts  gegen Rosenheim.....

-btk-





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Venezia

Wenn die Welt ein Körper wäre, wäre Venedig das Herz.

Durchzogen von Wasseradern, tobt das Leben auf der hochglanzpolierten, touristischen Seite.

Im Hintergrund werden die Gassen dunkler und stiller.

Verwinkelte Ecken.

Fenster, von denen die Farbe blättert.

Sonnenblumen, die aus Blumenkästen in den Himmel ragen.

Tritt man aus der Stille in den bunten Trubel

wird man mitgerissen

bis man dort landet

wo man sein soll.

Man muss sich treiben lassen.

Venedig lässt sich nicht berechnen und koordinieren.

Genau wie das eigene Herz.

Sophie Leonie Appl