Hinterland 

Betrachtungen, Episoden, Geschichten und ein bisserl Politik

Hinterland kann überall sein. Nicht überall, aber doch in so 30 bis 40 Ländern mit erwähnenswertem Hinterland habe ich mehr oder weniger lange gearbeitet, manchmal gut gelebt, gelegentlich auch gelitten. Wegen Urlaub war ich eher selten unterwegs. Ich liebe das Hinterland mehr als die meisten Metropolen. Die Hälfte meines bisherigen Lebens habe ich im altbayerischen Landkreis Dachau verbracht. Da ist mein Heimat-Hinterland. Obwohl mein Vater aus Polen vertrieben wurde und die väterliche Familie dort einige Jahrhunderte gelebt hat. Am Anfang war es für mich nicht leicht, in meiner späteren Heimat zu leben. Es war ein Zustand der Heimatlosigkeit, auch,  wenn ich den Begriff Heimat damals noch garnicht kannte. Die Leute nannten uns Flüchtlinge, obwohl wir Heimatvertriebene waren. Es gab so Erlebnisse: einheimische Kinder haben uns auf dem Schulweg Schneebälle nachgeworfen. Wir ihnen auch. Eigentlich ganz normal. Aber in jedem Schneeball,  von dem ein Flüchtlingskind getroffen wurde, war ein Stein. Bei den anderen Kindern nicht. Heute würde man sagen: hättet ihr euch besser integrieren sollen!  Ging aber nicht. Wir waren gelegentlich akzeptiert, etwa bei der Kartoffelernte oder beim Coloradokäfer sammeln. Geld gab`s dafür auch nicht. Von Flüchtlingen, Migranten, illegalen Einwanderern, nenn sie wie Du willst, wird, wenn sie kein Geld oder wenig haben, immer das Gleiche verlangt: Anpassung, notfalls brutal erzwungen. Wegducken. Nicht auffallen. "Dazu" gehörst du deshalb noch lange nicht. Diese Erfahrung habe ich übrigens als Kind nicht nur in Oberbayern gemacht, sondern  Jahre später und viel schrecklicher in Ostafrika. Jedoch, Deutschland ist ein Land der Lösungen, im besten Sinne. Zuerst Schulen und Vereine. Wir waren willkommen. Sport. Kneipen. Mädchen. Politische Arbeit, Mitarbeit. Sprachen lernen, noch besser Dialekte. Reisen. Geld verdienen. Insgesamt war das in meiner Kindheit noch bitterarme Restdeutschland ungeheuer großzügig zu uns. Wir waren die Millionen vertriebener und gestrandeter Menschen aus jener Hälfte des europäischen Kontinents, über den damals Stalin herrschte.

Aber eigentlich wollte ich ja ein paar Geschichten aus dem Hinterland erzählen, wie ich es kennen und lieben gelernt habe, und logischerweise handelt in Gutteil davon im Dachauer Gäu und in Bayern überhaupt.

Dachau! Das ist eine über 1200 Jahre alte Siedlung, heute eine "Große Kreisstadt" mit mehr als
40 000 Einwohnern. Viel früher, zu Zeiten, aus denen keine Dokumente vorliegen, wohnten hier Kelten, Römer und Germanen, vielleicht sogar Neandertaler. Dachau sollte eigentlich berühmt sein für eine großartige Maltradition, als Künstlerkolonie des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Der große bayerische Dichter Ludwig Thoma hat in dieser Stadt als Rechtsanwalt und Schriftsteller gearbeitet. Im Dachauer Hinterland sind einige seiner stärksten und einige seiner humorvollsten Werke entstanden. Abraham a Santa Clara, der wortmächtige Barockprediger, hat seine Fähigkeiten geschult im ehemaligen Kloster und Wallfahrtsort Maria Stern zu Taxa bei Odelzhausen. Tiefstes, bestes Hinterland.
Ein ehemaliger Dachauer Oberbürgermeister hat viele Jahre, ach was, Jahrzehnte lang seine karge Freizeit geopfert, um dem Malerort Dachau in mehreren opulent und sorgfältigt edierten, großformatigen Kunstbänden ein Denkmal zu setzen. Lorenz Reitmeier, so sein Name, hat zudem einen verschlafenen, nicht sehr gut strukturierten Ort mit Hilfe mehrerer Stadtentwicklungspläne in die Gegenwart geführt, meist mit, manchmal auch gegen seinen Stadtrat. Was er in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts noch nicht erreichen konnte, ist seinen politischen Nachfolgern gelungen: ein verantwortungsvoller, zukunftsorientierter Umgang mit dem schrecklichen Dachauer Erbe der Nazizeit, dem Konzentrationslager. Landrat Hansjörg Christmann und Oberbürgermeister Peter Bürgel, beide von der CSU, haben in geduldiger Überzeugungsarbeit die klare Mehrheit der Bevölkerung von ihren Konzepten überzeugt. Nicht länger verschweigen und verdrängen, sondern offen diskutieren und aus der Vergangenheit lernen. Heinrich Himmler hat schon 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, das erste KZ des Dritten Reiches auf dem Gelände einer ehemaligen Munitionsfabrik aus dem 1. Weltkrieg errichten lassen. Zunächst wohl, weil es dort leer stehende Baracken zur Unterbringung der zahlreichen politischen Häftlinge des braunen Regimes gab. Es wurde die Urzelle des terroristischen Lagersystems, die Kaderschule des SS-Imperiums.

Besonders drei Persönlichkeiten (von vielen, die nicht zugleich politische Mandatsträger waren) haben sich bleibende Verdienste um  die Annäherung und Versöhnung der Generationen, von Opfern und Mitläufern, erworben und Dachau in einen internationalen Lernort verwandelt. Der Journalist Hans-Günter Richardi, die längjährige Leiterin der KZ-Gedenkstätte, Barbara Distel und nicht zuletzt Max Mannheimer, ein Häftling, der das KZ überlebt hat, ein unermüdlicher Aufklärer, Mahner und Zeitzeuge.
Die Zeiten sind gottlob vorbei, als das Wort Dachau nur ein Synonym für Naziterror war, stellvertretend für das schlechte Gewissen des übrigen Nachkriegs-Deutschland. Immer noch wird jedoch darüber hinweggesehen, daß  in den verwahrlosten Baracken der KZ-Häftlinge auch lange Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Opfer von Flucht und Vertreibung, Opfer eines anderen, des stalinistischen Terrors, ihr Leben fristeten. Die Einmaligkeit des Holocaust darf durch die Erwähnung anderer, nicht-deutscher Verbrechen keinesfalls beschädigt werden.

Dachau liegt nordwestlich der Stadt München, die häufig und wohl zurecht als Millionendorf bezeichnet wird. Dies nur zur Information für Leser mit Migrationshintergrund und für solche, die in lange rotgrün regierten Ländern zur Schule  gegangen sind. Die Millionenstadt München ist recht eigentlich eine Ansammlung von sehr verschiedenen Hinterländern, quasi von Dorfgemeinschaften ohne eigenen Häuptling. Die  Münchner Hinterländer tragen Namen wie Untergiesing, Berg am Laim, Hasenbergl oder Schwabing. München ist bekannt für  und durch seinen mittlerweile gestürzten Kaiser Beckenbauer, Bier und BMW. Und das Oktoberfest.

Und am Wochenende schreibe ich weiter! Servus daweil !

-btk-

Hinterland, der Freistaat Bayern und Berlin

Der Freistaat Bayern wiederum ist der größte und älteste Flächenstaat der Bundesrepublik Deutschland. Die nennt sich seit einiger Zeit gern "Berliner Republik". Dazu möchte ich nichts sagen, weil mir mein Arzt Aufregungen verboten hat. Auf Ruhepuls achten! Sagt dieser Arzt. Er heißt Kirchhoff und steht im Telefonbuch jener Stadt, die für Beckenbauer, Bier und BMW berühmt ist. Dr. K. ist eigentlich aus Dachau. Ich war mit seiner deutlich älteren Schwester zwei Jahre lang am selben Gymnasium. Ich kann ihn sehr empfehlen. Ein richtiger Hausarzt alter Schule.

Es ist folgerichtig, daß die Hauptstadt der "Berliner Republik" Berlin heisst. Berlin ist berüchtigt für einen gewissen Bolle, der sich seit Generationen köstlich amüsiert,  für Buletten, was womöglich das französische oder polnische Wort für Fleischpflanzerl oder Frikadellen ist, und für Bildungsnotstand. Als West-Berlin noch Frontstadt im Kalten Krieg war, wurde eine Nilpferd-Dame im dortigen Zoo Bulette gerufen. Die war so fett, wie es der Name vermuten lässt. Vom ferneren Ausland her betrachtet, ist Berlin berühmt für Beckenbauer, Bier, BMW und das Brandenburger Tor. Und durch das Berghain. Und durch kriminelle Araber-Clans. Ziemlich sexy außerdem. Insofern ist Berlin zurecht deutsche Hauptstadt. Und die Hauptstadt ist konsequenterweise Sitz unserer Regierung. Soweit dieser Regierungssitz nicht inkonsequenterweise immer noch in Bonn am Rhein liegt. Wie im Kalten Krieg, vor der Wiedervereinigung. Dazu möchte ich weiter nichts sagen, weil mein Rechtsanwalt ständig warnend wiederholt, daß ich mir keine langwierigen Gerichtsverfahren leisten kann, wegen all der Umstände, die ich eher zufällig im Wiedervereinigungsprozeß mitgekriegt  habe. Damals war ich ein gutes Jahr lang zwischen Ost und West, zwischen Bonn, Berlin und München, beruflich unterwegs,  reichlich ausgestattet mit Spesen und Honoraren. Dieses Schweigen aus praktischer Vernunft gilt auch für alle anderen Geschichten, die ich nicht gedruckt sehen will, sondern nur im Schoppenstüberl, oder beim alten Kochwirt in Dachau oder im Korfu bei Sandra und Dimi erzählt habe. Der Rechtsanwalt heißt Heigl. Wir nennen ihn Rechtsanwalt-Werner, damit ihn keiner mit dem Getränkemarkt-Werner verwechselt. Er steht im Telefonbuch jener Stadt...ok, geschenkt. Wirklich interessant an Berlin sind Museen und Theater, auch einige Gedenkstätten. Nicht so interessant ist das dauernde Hecheln nach "Weltniveau", das sich von Berlin-Ost, der Hauptstadt der Ex-DDR, seit der Wiedervereinigung auf Gesamtberlin ausgedehnt hat. Das hat auch was von Hinterland, im Sinn von ganz schön provinziell. 

Na dann, fangen wir an mit den volkskundlichen Studien !

-btk-

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Meister im 

Rückenheben




Mein Vater verbrachte von seinen nur 57 Lebensjahren über 30 nicht in seiner Heimat. Er war im Exil, im Krieg, auf der Flucht, im Untergrund, in Haft, günstigenfalls auf Reisen. Die Rückkehr an die Orte seiner Jugend war ihm aus politischen Gründen dauerhaft verwehrt. Trotzdem lautete einer seiner Merksätze, die bis heute in unserer Familie überliefert sind: "Überall ist es schön, doch daheim ist's am Schönsten!"

Mir geht es genauso. Ich wusste lange nicht, wo ich hingehöre, aber wenn ich heute, oft nach langer Abwesenheit, in mein heimatliches, vertrautes Hinterland zurückkehren darf, sitze ich gerne irgendwo rum, bin zufrieden und höre den Leuten zu. Dem Hindinger zum Beispiel.

Das Dachauer Moos hat viele starke Männer hervorgebracht, aber der stärkste von allen war gewiss der Anton Haderecker. Der alte Hindinger sagte immer, das Pech vom Haderecker war, daß er neunzig oder hundert Jahre zu früh auf die Welt gekommen ist. Weil sonst, sagt der Hindinger, wüßte zwar heutzutage kein Mensch, wie man Cassius Clay oder Muhammed Ali oder Wladimir Klitschko oder Mike Tyson buchstabiert, aber der Hindinger wäre Boxweltmeister geworden.

Und wenn einer kommt und sagt, Hindinger, des glaub' i net, dann beweist es ihm der Hindinger mit wahren Geschichten über die unheimliche Kraft vom Haderecker.

Zum Beispiel, wie der Haderecker, der recht kinderlieb war, für die Buzzerln aus der Nachbarschaft an Weihnachten immer die Walnüsse aufgemacht hat. Natürlich nicht mit einem Nußknacker, sondern bloß mit zwei Fingern. Das ging so: der Haderecker hat eine Nuß vor sich auf den Tisch gelegt, den Zeigefinger von seiner rechten Hand hat er mit dem von der linken darüber gehalten. Und dann hat er den rechten Zeigefinger einfach auf die Nuß schnalzen lassen, aber nicht zu fest, sagt der Hindinger, damit sie nicht ganz zerbröselt war, die Nuß. Wenn's einer nicht glauben will, erklärt er noch, daß der Haderecker natürlich keine zierlichen Hände gehabt hat, sondern ziemliche Pratzen. Oder die andere Geschichte, vom zerbrochenen Wagenrad. Der Haderecker hat nämlich im Moos gewohnt, in Grasslfing draussen, das heute zu Olching gehört. Und wie er einmal in die Arbeit gegangen ist zum Zieglerbräu in Dachau, wo er Brauknecht war, hat er unterwegs einen Moosbauern getroffen, dem ein Rad von seinem Ochsenkarren gebrochen war. Abgeladen war er schon, der Karren, und der Haderecker hat sich einfach anstatt dem fehlenden Rad unters Fuhrwerk gebuckelt und so den Karren, ohne abzusetzen, zwei, drei Kilometer zum nächsten Wagner gebracht. Am nächsten Tag hat ihm die Schulter weh getan, mit der er vortags den Wagen gestemmt hatte. Aber er hat eine andere Erklärung gehabt für sein Reissen: "Do muaß i do gestern beim Wirt a Zugluft dawischt hab`n."

Wenn jetzt immer noch einer kommt und sagt, er glaubt nicht, was der Hindinger über dem Haderecker seine fürchtige Kraft erzählt, dann kommt der Hindinger mit einem historischen Beweis. In Grasslfing gibt es nämlich noch heute die Gastwirtschaft, wo Anton Haderecker herausstammte. Wenn man hineingeht, das habe ich vor vielen Jahren selber gesehen, hängt gleich neben der Tür ein altes Foto. Das zeigt einen muskulösen Mann im Sportdress der Jahrhundertwende, ich meine natürlich die Wende vom 19. auf´s 20. Jahrhundert, und einem schön gezwirbelten Schnurrbart und darunter steht, oder stand jedenfalls damals: "Anton Haderecker, Meister im Rückenheben, 2850 Pfund". Mit einem bisserl Glück habe ich seinerzeit die alte Frau Sirtl erwischt, die in der Küche gearbeitet hat, oder ausgeschenkt oder beim Bedienen ganz geschäftig war. Eine direkte Verwandte vom Anton Haderecker.  Wenn man sich für das Bild interessierte und sie gerade Zeit zum Ratschen hatte, hat sie gern erzählt, daß der Anton Haderecker wirklich so stark war und daß der Heberrekord beim Zieglerbräu zu Dachau aufgestellt worden ist. Rückenheben heißt die Sportart, weil sie mit dem Aufzug zum Gerstenspeicher dem Haderecker solange Doppelzentnersäcke auf den Buckel geladen haben, bis er geschrieen hat: "S`langt!" Und das waren die 2850 Pfund, die auf dem Foto vermerkt sind. Und die alte Sirtlin wußte auch, wie Anton Haderecker als stärkster Mann der Welt auf Amerikatournee gegangen ist und schwerreich wieder heimkam. Sogar amerikanische Zeitungsartikel über Anton Haderecker und seine Kraftschau gibt es noch.

Wer sich an Ort und Stelle überzeugt hat, welche Berühmtheit Anton Haderecker seinerzeit war, zweifelt an der nächsten Erzählung vom Hindinger nicht mehr. Leider war Haderecker nämlich vorbestraft, aber nur leicht, weil er bei einer ganz normalen Rauferei etwas zu fest hingelangt hatte. Leicht heißt, daß er seine Strafe auf Bewährung gekriegt hat. Als der Richter nämlich die Muskeln vom Haderecker gesehen hat, war ihm klar, daß dessen Behauptung, er habe wirklich nicht fest zugeschlagen und das noch dazu, weil er vorher geärgert wurde, nicht gelogen sein konnte. Und mit der Ermahnung, künftig Raufereien zu meiden, beendete der Richter die Verhandlung. Beim nächsten Mal sei jedoch eine Haftstrafe fällig! Diesen halben Freispruch feierte Haderecker natürlich in einer Wirtschaft, und das nicht zu knapp. Im Verlaufe des Abends derbleckten ihn seine Mitzecher, wohl wissend, daß Haderecker nicht zuhauen könne, ohne eine Gefängnisstrafe zu riskieren.

Als es dem Meister im Rückenheben schließlich zuviel wurde, schnaufte er tief ein und erklärte mit gefährlich ruhiger Stimme: "No a Wort über mi, dann hau i zua, a wenn i nach Stadelheim muaß. Und daß es seht`s, daß i`s ernst moan..." Haderecker senkte seine Stimme,  machte eine Kunstpause in die still gewordene Wirtschaft hinein...und brach mit der linken Hand ein Eck aus dem massiven Eichenholztisch heraus, auf dem er seine Maß stehen hatte.

Kleiner Nachtrag: Die junge Franziska Sirtl wurde vor Jahren zur ersten Bayerischen Bierkönigin gewählt. Stand in allen wichtigen Zeitungen. Sie stammt aus der Haderecker-Sirtl-Dynastie im Grasslfinger Moos. Eine wahrhaft würdige Regentin! Hoffentlich halten auch künftige Generationen den Meister im Rückenheben samt seinem Erinnerungsfoto in Ehren.
-btk-

Dieses Foto vom Haderecker hab ich gemeint, das mir die Frau Sirtl und der Hindinger erklärt haben.



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Magnus: Eine Taufe im Holzland

Diese Linde wurzelte schon hier, da zog Kaiser Friedrich Barbarossa grade mal zu seinem Kreuzzug ins Morgenland. Die spätere Landeshauptstadt München wurde erst 1158 gegründet, als die Linde schon einen stattlichen Stamm zeigte. In Bayern hatte 1180 das Haus Wittelsbach die Herrschaft übernommen, die bis zur Revolution 1918 währen sollte. Die Linde überstand alles.


Diese Linde ist eher 1100 Jahre alt als 1000. Sie steht auf der Gemeindeflur von Pleiskirchen im Ortsteil Wald. Holzland heißt die Gegend. Heute ist diese Linde nur noch eine ziemlich brüchige Baumruine. Aber sie treibt unermüdlich weiter, kraftvoll und saftig. Ihre Wurzeln reichen hinüber, unter der Dorfstraße, bis zum Landgasthof "Zur Linde". Den gibt`s schon fast so lang wie den Baum. Hier fand die weltliche Feier zur Taufe des kleinen Magnus statt. Katholisch getauft wurde er ein paar Kilometer weiter in einer Kirche, die passenderweise "St. Johannes der Täufer" heißt. Es war ein sonniger Herbstsamstag im September 2019. Beim kirchlichen Teil der Taufe hat ein Lied im bayerischen Dialekt sehr beeindruckt: "Leb Dei Lebn !" Es endet mit dem Vers: "I wünsch Dir an Traum, die Welt zu bewegn, i wünsch Dir, mei Kind, leb Dei Lebn !"

Eine lächelnde alte Frau kniete während der Taufe in der letzten Bank. Es war die Haushälterin des Pfarrers, der sie nicht einsam und allein im Pfarrhof sitzen lassen wollte. Den Eltern des Täuflings, Manuela und Martin, war es recht und sie haben die betagte Dame ganz selbstverständlich mit zum Wirt eingeladen, genauso, wie den Pfarrer. Was sich in Altbayern aber auch gehört.

Dieser Pfarrer personifiziert übrigens perfekt die katholischen Kernprobleme Priestermangel und Beharren auf dem Zölibat. Er fährt einen getunten BMW der 5er Klasse, damit er seine weitverstreuten Gläubigen wenigstens gelegentlich zu Gesicht kriegt. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Er ist umfassend gebildet, führt einen Doktortitel und ist, quasi als eiliger Vater, ständig auf Achse. Auf jedem Datingportal könnte er als  sportlicher Akademiker in den besten Jahren punkten. Einen gewissen Hang zu edlen Designerklamotten und teuren Accessoires kann er auch nicht ganz verleugnen. Immerhin schaffte er noch ein eiliges Tischgebet, bevor das Taufmahl aufgetragen wurde.

Egal,  ich wollte eigentlich noch was über den Landgasthof "Zur Linde" sagen. Dieses Wirthaus ist wirklich einen Ausflug wert, auch wenn einer  weiter weg wohnen mag. Ein gastliches Beispiel,wie im Freistaat Bayern Tradition und Fortschritt erfolgreich versöhnt werden. Zuerst war ich etwas belustigt, als ich hörte, daß sich die Taufgesellschaft im "Eventstadl" trifft. Die anglo-bajuwarische Wortschöpfung fand nicht nur ich ziemlich lächerlich. Aber dann: Ein beeindruckendes Kreuzgewölbe mit freistehenden Säulen, benutzt seit 1328. Früher wohl als Stallung für Pferde und Zugochsen durchziehender Salztransporte genutzt. Das Salz stammte schon in früheren Jahrhunderten aus den Salinen und Bergwerken, denen die landesherrlichen Salzburger Fürstbischöfe ihren immensen Wohlstand verdankten. Die konnten sich sogar ohne Probleme einen Hofmusiker wie Wolfgang Amadeus Mozart leisten.

Ich will jetzt nicht in Verdacht kommen, für den Lindenwirt Schleichwerbung zu machen, bloß weil ich mit der Wirtin Irmengard ziemlich lange geratscht habe. Aber, soviel muß gesagt sein:

Vegetarische Gerichte gibt es hier, vegane (noch ?) nicht. Fische aus heimischen Gewässern, Wild aus nahegelegenen Wäldern sowieso. Alles, was man in der bodenständigen Küche selber machen kann, wird selber gemacht. Die Produkte kommen, soweit möglich, aus der Region. Das gilt natürlich nicht für ein paar internationale Köstlichkeiten, die auch auf der Karte stehen. Die Lebensmittelindustrie mit ihren schier zahllosen chemischen Zusatzstoffen wird beim Lindenwirt jedenfalls nicht reich.  Und wenn man dem süffigen Bier garnicht widerstehen kann, gibt`s zur Not ein paar Gästezimmer, alle mit WLAN und Flachbildschirm.

Und  politisiert haben wir natürlich auch nach dem Taufmahl. Der kleine Magnus hat sich davon nicht stören lassen und meistens selig geschlafen. In dieser Ecke des Landkreises Altötting galt jahrzehntelang die CSU als Quasi-Staatspartei. Doch für die Schwarzen bröckelt auch hier schon die heile Welt. Zwar bei der letzten Landtagswahl 2018  stolze 55%, aber bei der vorletzten waren es noch 67,5% für die CSU in Pleiskirchen. 12,5% Verlust in 4 Jahren Seehofer auf dem Höhepunkt seiner sprunghaften Drehhoferpolitik. Grüne, Linke, Freie Wähler sind klar auf dem Vormarsch....die alte Weisheit gilt im Leben wie in der Politik: Vertrauen muß stets neu erarbeitet werden. Es gilt aber auch: wenn`s dem Esel zu wohl wird, geht er auf`s Eis. Gilt für Wähler und Gewählte.

Gott mit Dir, Du Land der Bayern ! Die alte Linde  von Wald wird schon noch ein paar Jahre zuschauen.


-btk-



INFO: www.landgasthaus-zur-linde.de


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Der Tod des Bauern 

Josef Staffler

Ein guter Tierarzt ist dem bäuerlichen Stand meist auch ein guter Ratgeber. So wird auf die Worte des Viehdoktors nicht nur bei kranken Tieren, sondern auch bei kranken Familienmitgliedern einiges gegeben.

Mein alter Freund, der Grahamer Schorsch, war einer von diesen gestandenen Veterinären, wie sie der Bauer mag:  fest zupacken, wenn`s es braucht, und dischkrieren, wenn Zeit dazu ist.

Auf dem Kreitmayrhof beim Staffler war es, wo ihn die Bäuerin nach der Besamung einer Kuh aufforderte, mit ihr in  die Küche zu kommen. Dort standen Bier und Obstler auf dem Tisch und dazu, nicht ganz passend, eine Schüssel mit Rohrnudeln. Der erwachsene Sohn und zwei Töchter waren versammelt und schauten mit ernsten Gesichtern auf den Boden.  "Herr Dokta", hob die Stafflerin an,"was soll`n ma bloß doa? Der Pap is schwaar krank, und er geht uns einfach net ins Krankenhaus." Der Viehdoktor wußte schon seit Wochen, daß es um den Stafflerbauern nicht gut stand, und er malte die Gefahren aus, die ohne sachkundige Pflege und Behandlung der Gesundheit des Alten drohten. Er hatte schon vorher einen Blick auf den Staffler geworfen, wie er in seiner Kammer lag: ein eingefallenes, von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, ein Schädel, der kaum mehr aus dem Kissen herausschaute.

(Wasserschaden in der Wohnung über mir !!!! Muß für heute aufhören, sorry Leute...)

Einzig die klobigen Hände auf dem Plümo waren noch so mächtig wie eh und je und verieten, daß der Pap nie eine  Arbeit gescheut hatte. Nachdem auch die Kinder bekräftgt hatten, der Pap müsse ins Hospital, raffte sich die Stafflerin  auf: "I geh`ummi und sag eahm, daß er furt muaß und daß man jed`n Tag b`suacha!" Energisch ging sie hinaus, man hörte, wie sie die Kammertür öffnete, und dann einen lauten Schrei: "Der Pap is tot!" Und schon stürzte sie weinend in die Kuchl zurück.

Alle eilten jetzt ins Sterbezimmer. Die Mam war auf dem Sofa zusammengesunken, Schmerz und Tränen schüttelten sie. Eine Tochter nahm sie in den Arm, versuchte sie zu beruhigen und redete dabei allerlei Unsinniges: "Gleich wird da Dokta kumma, er werd`scho wieda, da Pap..."

Aber Josef Staffler war tot und der Tierarzt meinte tröstend zur Mam: "Schau, jetzt is er in einem anderen, besseren Leben." Die Bäuerin wurde etwas ruhiger. Langsam mochte in ihr die Erkenntnis aufsteigen, daß sich der Pap unwiderruflich, allein und ohne sie auf die lange Reise ohne Wiederkehr gemacht hatte. Sie mochte daran denken, wie ihr der Pap abgehen würde und sie oft zu hart zu ihm gewesen war, wenn er wieder einmal im Wirtshaus gesessen und den Weg nach Hause nicht gefunden hatte. So brach es aus ihr hervor: "I han unsan Pap scho gern mög`n!", und, als sei schon zuviel gesagt, "wenn er bloß  net gar so gern im Wirtshaus g`sessn waar..."
Die Mam vergaß trotz ihres Schmerzes nicht, daß der Tote für die Aufbahrung hergerichtet werden mußte. Zwischen zwei trockenen Schluchzern stieß sie hervor: "Hod er an Mund scho zua?" Der Tierarzt ging mit dem Sohn ins Schlafzimmer hinüber und band dem toten Bauern den Unterkiefer mit einem Schal hoch. Im Leben wie im Sterben muß schließlich alles seine Richtigkeit haben. Die Mam wollte, daß ihr Pap auch als Leiche stattlich aussah, und so sorgte sie sich gleich weiter: "Hod er seine Zähn`scho drin?" Wieder gingen Sohn und Doktor zum Toten und taten, was getan werden mußte. Nun konnte die Mam mit dem Aussehen des Toten zufrieden sein. Sie weinte noch immer leise vor sich hin, aber sie hatte ihre Gedanken beisammen und wußte recht gut, wie man einen Verstorbenen versorgt. "Habt`s eahm d`Händ schön gefaltet?" Und hod er s`Sterbekreuz und an Rosenkranz in de Händ?" Fast schien es, als ob der Tote kurz lächelte, als auch das besorgt wurde. Er hatte zeitlebens ein eher praktisches Verhältnis zur Religion gepflegt und bei allem Respekt den Glauben doch mehr als eine Art Hagelversicherung fürs Jenseits betrachtet. Nun lag er da, ganz, wie es Kirche und Brauch verlangen.
Noch eine letzte Bitte hatte die Stafflerin: "Geht`s nochmal ummi und zündt`s eahm d`Sterbekerzn o." Die Töchter ließen sich in der Kammer nieder: "Oh Herr, laß ihn ruhen in Frieden und das ewige Licht leuchte ihm..."
Auf dem großen Tisch in der Küche standen noch immer leere Bierflaschen, schal gewordenes Bier, Obstschnaps in Stamperln, auch angebissene Rohrnudeln lagen herum. Die Mam war jetzt ganz gefasst und verabschiedete ihren Helfer: "I dank dir no recht schön, Herr Dokta, jetzt waschd`dir am Grand d`Händ und dann fahrst ma no zum Mesner und sagst, er soll am Pap s`Totenglöckerl läuten und an Herrn Pfarrer schicken."

Während der Tierarzt davon fuhr, schaute die Stafflerin mit steinernem Blick in die Zukunft. Alles war gerichtet. Sie wußte, nicht das Sterben ist schlimm, sondern die lange Einsamkeit von denen, die allein zurückbleiben im Diesseits.

**************

Josef war als Kind nicht besonders glücklich. Sein Vater war streng, zu streng und des Vaters pädagogisches Hauptinstrument war der damals so genannte und im Hinterland weit verbreitete "Ochsenfiesel". Das ist der Schwanz eines Tieres, getrocknet, gedörrt, luftgeräuchert. Außen zähes, aber noch leicht haariges Leder, innen felsharte Knochenwirbel. Ob der Schwanz von einem männlichen Rind, einem Bummerl, von einem kastrierten Ochsen oder von einer Kuh stammte, war scheißegal. Schläge mit einer solchen Peitsche tierischen Ursprungs schmerzen ungemein. Josef mußte im Sommer vor dem Schulbesuch beim "Greafuadda macha" helfen, beim Einbringen von frischem grünen Gras zum Füttern der väterlichen Rinder. Das bedeutete Aufstehen um halb fünf Uhr früh. Dann  bekam er einen Holzrechen mit ungefähr 30 bis 40 gleichfalls hölzernen Zinken. Das Zusammenrechen von frisch gemähtem Gras galt im früheren Hinterland als eher leichte Kinderarbeit. Sollte, zum Beispiel, weil sich der Rechen an einem Scherhaufen verfing, ein Zinken abbrechen, trat der Ochsenfiesel in Aktion. Tut ziemlich weh. Scherhaufen bedeutet übrigens Maulwurfshügel.

Als ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland Reichskanzler wurde, ging Josef noch zur Schule. Seine Schule war eine Katholische Bekenntnisschule. Mehrere Klassen und Jahrgänge wurden in einem Raum gleichzeitig unterrichtet, von einem Lehrer, seltener von einer Lehrerin. Lehrer und Dorfpfarrer waren auch nicht zärtlicher im Umgang mit Kindern als deren Eltern daheim. Hitler wurde übrigens nie von einem erwachsenen Mitglied der Familie Staffler gewählt, solange es noch halbwegs freie Wahlen gab.  Hitler fand in Altbayern nicht mal eine Mehrheit, als die Demokratie bei der ersten Reichstagswahl nach seiner Machtübernahme praktisch schon abgeschafft war. Katholisch und Nazi: ging damals gar nicht. Die Bayerische Volkspartei, die Partei der Stafflers, von Lehrer und Pfarrer, war tatsächlich fascho-resistent. Milieu, katholisches Hinterland. Nach dem Ende der Hitlerdiktatur gingen die Reste der Volkspartei in der neugegründeten CSU auf.

Vor dem Krieg war Josef in der Hitlerjugend. Begeistert. Sport, Skikurse, Lagerfeuer, Hochlandlager. Neue Lieder, Gemeinschaft. Tagelang, wochenlang weg vom Pfarrer und seinen Kopfnüssen aus nichtigem Anlaß. Weg vom Greafuadda rechen, vom strengen Vater und der bigotten Mutter. Der junge Staffler dachte, das sei Freiheit. 1943 wurde Josef Staffler Soldat der Deutschen Wehrmacht. Frankreich. Gott sei Dank, seufzten die Eltern. Die Ostfront gegen die Rote Armee war, nicht erst seit der katastrophalen Niederlage von Stalingrad, wirklich viel schlimmer.
Josef hat mir, Jahrzehnte später, stockend erzählt, was dann passiert ist. Einmal kam Erwin Rommel vorbei, der legendäre Wüstenfuchs aus dem Afrikafeldzug,  damals noch Hitlers liebster Feldherr. Josef mußte hernach monatelang schuften als uniformierter Bauhilfsarbeiter. Betonmischer für die Festung Europa auf der Halbinsel Cotentin. Dann endloser Wachdienst in einem Bunker am Atlantikwall. Die Alliierten nannten den Küstenabschnitt, an dem Staffler in einer ruhigen Nacht Dienst schob, Omaha Beach. Dort begann die Invasion, die Landung von amerikanischen, britischen, kanadischen, polnischen und französischen Truppen im von Hitlerdeutschland besetzten Frankreich. Das Wetter war ziemlich stürmisch, die Sicht schlecht. Staffler verschoß mit seinen Kameraden alle Munition, die im Bunker gelagert war. Tausende Angreifer starben. Nach zwei Tagen hatte Staffler keine Munition zum Nachladen. Essen auch nicht. Er wurde P.O.W, prisoner of war, Kriegsgefangener der siegreichen US-Army. Sechs Wochen zuvor hatte er seinen 19. Geburtstag gefeiert. Jetzt waren alle seine Geburtstagsgäste, die Kameraden aus dem Bunker, tot. Keiner war älter als 22 Jahre geworden. "Scheiß Nazi" sagte ein junger US-Leutnant auf Deutsch und gab Staffler zu Essen und zu Trinken. Zahlreiche Filme wurden über diese Ereignisse gedreht. Staffler kam in den Drehbüchern nicht vor. Nur einmal, indirekt, als eine "blonde deutsche Bestie", die bis zur letzten Patrone gekämpft hat.

Das Lager war eine feuchte Wiese in der Normandie. Stacheldraht. Den gefleckten Kühen auf der anderen Seite des Zaunes ging es besser. Rauchende, lachende Wachsoldaten, GIs, zielten mit Corned Beef-Dosen auf die Köpfe der apathisch kauernden Deutschen. Gutes Essen in Blech, aber: wie die Dose, die Überlebensdose aufkriegen, ohne Messer, ohne Büchsenöffner? Gras fressen, Tau lecken, Durchfall, Seuchen.

Auf der Überfahrt von Frankreich in die USA sind nur noch wenige Männer gestorben. In Louisiana war es schon paradiesisch. Regelmäßige Verpflegung, Ärzte, neue Kleider, Schuhe. Angenehm warm, fast zu warm. Die toten Kameraden: aufschrecken, schwitzen, manchmal zittern in der Nacht. Der strenge Vater? Ein Schatten jenseits des Atlantiks. Hitler? Ein Fragebogen weist den Weg zurück ins Leben. Nein, ich war nicht in der Partei. Nein, ich war nicht bei der SS. Ja, ich habe in der Landwirtschaft gearbeitet. Ja, ich bin der Sohn eines Landwirts. Ja, ich habe eine technische Ausbildung. Technisch: das kann ein Holzrechen mit 30 oder 40 Zinken sein. Oder ein MG 42, ein deutsches Maschinengewehr. Keiner fragt genauer. Josef arbeitet als Erntehelfer. Die amerikanischen Farmersöhne kämpfen ja in Europa und im Pazifik.
Nach dreijähriger Gefangenschaft in den USA kehrt Josef Staffler wohlgenährt und gesund in seine alte Heimat Deutschland zurück. Die Menschen dort sind ziemlich dünn, richtig ausgemergelt. Der Freistaat Bayern in der amerikanischen Besatzungszone ist schon gegründet. Die Bundesrepublik Deutschland, also der Zusammenschluß der französischen, britischen und amerikanischen Zone, zu einem neuen Staat, sollte bald folgen. Konrad Adenauer wird 1949 erster deutscher Bundeskanzler. Mit 73 Jahren. Mit einer Stimme Mehrheit gewählt. Seiner eigenen. Josef Staffler arbeitet fleißig in der Landwirtschaft seines Vaters. Lohn erhält er keinen, aber Kost und Logis. Schließlich wird er Hoferbe. Er heiratet. Er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Beim Bauernverband.Später sitzt er für die CSU im Gemeinderat. Er verkauft einige Wiesen, nicht weit weg von der Autobahn, sehr teuer als Baugrund.  Der Gemeinderat, dem er selbst angehört, hat den Flächennutzungs- und Bebauungsplan dafür beschlossen. Als es in der Sitzung um seinen Grund geht, verläßt Staffler den Tagungsraum. Alles ist legal, demokratisch. Staffler ist hernach ziemlich wohlhabend, Neider sagen: reich.

Als in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts der schwarze US-Bürgerechtler Martin Luther King erschossen wird, ebenso wie der weiße Präsident John F. Kennedy, erzählt mir Staffler, daß er in den USA als kriegsgefangener Wanderarbeiter nach 1945 meist von schwarzen GIs bewacht wurde. Die deutschen, weißen Kriegsgefangenen durften auf den langen Transporten von einer Farm zur nächsten selbstverständlich in Diners einkehren, wurden in Raststätten der südlichen USA freundlich bewirtet. Die uniformierten schwarzen Kämpfer gegen Hitler und Rassismus, für Freiheit und Demokratie, mußten derweil draußen warten.

20 Jahre nach der Ermordung von Luther King ist Staffler gestorben. Nach einem,  wie es in der  Grabpredigt hieß, erfüllten und arbeitsreichen Leben. Von seinem Leben, wie es wirklich war, hat er Frau und Kindern nie erzählt


-btk-



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Georg (Schorsch, seine engsten Freunde nannten ihn "Irgi") Grahamer ist 2008 verstorben. R.I.P

In Ostafrika gibt es noch heute Menschen, die sagenhafte Geschichten von Bwana Daktari Big  Jim erzählen. Zwischen Avignon, Marseille und Saintes- Marie- de- la- Mer ist er als George IV. zur Legende geworden.

Herzlichen Dank an Paul Sessner ( Foto Sessner Dachau ) für dieses historische Bild vom Dachauer Rathausplatz mit Ochsenfuhrwerk

Dachau nach 1945

Stadträte erinnern sich

Ein Film von Bobby Tolksdorf

Filmlänge: 45:58

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Die Idee zum Film "Dachau nach 1945 - Stadträte erinnern sich" kam von Georg "Tschok" Englhard. Er war langjähriger  Stadt- und Kreisrat. Die Aussagen und Erinnerungen von Zeitzeugen, die  während der Dreharbeiten teilweise schon sehr betagt waren, sollten bewahrt werden. Wie zum Beispiel die von Georg Scherer. Der Schorsch, wie er allgemein genannt wurde, war kommunistischer Widerstandskämpfer  gegen das Naziregime. Als KZ-Insasse war er Sprecher der politischen Häftlinge, in dieser Rolle sogar akzeptiert von seinen SS-Aufsehern. Nach dem Krieg wurde er Textilunternehmer, Lokalpolitiker und Mäzen. Als Vorstand des ASV, des größten Dachauer Sportvereins,  war er dessen Ideengeber, Modernisierer  und Zukunftsplaner. Die große Sporthalle am Dachauer Stadtwald ist nach ihm benannt, er war stets mehr als nur ein schlichter Sportfunktionär. Er ist nicht lange nach den Dreharbeiten verstorben, ebenso wie Adolf Hällmayr, Karl Haaser, Rudi Schmid und Josef Lerchenberger. 

Georg Englhard war auch jahrzehntelang ehrenamtlicher Sportfunktionär, selber aktiver(Tennis-) Sportler  und CSU-Ortsvorsitzender. Der erfolgreichste,  den diese Partei in der Großen Kreisstadt Dachau je hatte, wenn man die seinerzeitigen Wahlergebnisse zum Maßstab nimmt. Und, über ideologische und Parteigrenzen hinweg, so manchem politischem Gegner in respektvoller Freundschaft verbunden.

Kürzlich ist ein weiterer Protagonist von "Dachau 1945" verstorben: Alt-Oberbürgermeister Dr. Lorenz Reitmeier. R.I.P

*

Ende 2020, wenige Tage vor Weihnachten:

R.I.P. 

Georg Englhard

Servus, lieber Tschok, in dankbarer Erinnerung !

-btk-



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HAUSSCHLACHTUNG

Foto: pixabay.com, Peggy Choucair 


Mit der Europäischen Union ist es schon ein Kreuz. Wahrscheinlich, weil zwischen Jütland-Süd und Sizilien-Nord in punkto Hausschlachten noch ein regionales Gefälle mit supranationaler Regelungsbedürftigkeit besteht, überlegen einige Eurokraten in Brüssel seit Jahrzehnten, wie man dieses Problem in den gesamteuropäischen Würgegriff bekommen könne.  Eine Reihe von Zwischenberichten zur Regelung der nichtgewerblichen Verwertung von Nutztieren liegen längst vor, eine Hausschlachtungsverordnung gibt es immer noch nicht. In  Sachen Euro-Hausschlachtung wurden im Laufe der Zeit mehrere 100 Seiten an Papieren produziert. Auf Einzelheiten dieser lichtvollen Dokumente will ich hier nicht eingehen, nur soviel sei gesagt, daß man sich bisher trotz zahlreicher, auch nächtlicher Sitzungen, noch nicht abschließend einigen konnte. Als Kompromißlösung wird nunmehr das völlige Verbot der Hausschlachtung in den Ländern der Europäischen Union angestrebt. Bewährtes Motto: Was Brüssel nicht mit Paragraphen reglementieren darf, gehört sowieso abgeschafft. Bevor die EU also auch auf dem Felde der Hausschlachtung endgültig zuschlägt, noch schnell ein Bericht über die bis heute in unserem Gäu praktizierte Methode.

Schlachten kann man vom Prinzip her jedes Tier, am beliebtesten ist allerdings das Hausschwein, vulgo Sau. Das Schlachten einer Wildsau hingegen fällt nicht unter den Begriff "Hausschlachtung", sondern erfüllt den Straftatbestand der Wilderei.

Nach der Bestimmung des Schlachttages und des zu schlachtenden Tieres, was durch kritisches Mustern der halbleeren Tiefkühltruhe beziehungsweise des Schweinekobers vorgenommen wird, muß der Kessel angeheizt werden. Der eigentliche Tötungsvorgang, in früheren Jahren oft durch gezielte Schläge mit harten Gegenständen durchgeführt, wird heutzutage meist mit einem Bolzenschußgerät erledigt.  Gleich nach dem Schießen wird die Sau gestochen, das auslaufende Blut in einem Kübel aufgefangen und durch kräftiges Umrühren vor dem "Stocken", also dem Gerinnen, bewahrt. Anschließend bekommt die Sau ein Bad, wozu der Kessel das heiße Wasser liefert. Sinn dieser Maßnahme ist das Abrasieren der Borsten, ein Geschäft, das durch die Verwendung  von Pech als "Rasierschaum" erleichtert wird. Sind alle diese Verrichtungen durchgeführt, muß das Schlachtopfer aufgehängt werden, und zwar mit den hinteren Haxen an Haken, den Kopf nach unten. Der geübte Hausschlachter öffnet sodann den Körper des Tieres und nimmt die Innereien heraus. Je nach Bedarf wird das Tier zerteilt und portioniert, einige Stücke wohl auch zum Suren und Räuchern bestimmt. Eines aber wird immer gleich gehandhabt, Schweinskopf, Schwanz und alle sonstigen Körperteile, die sich für andere Zwecke nicht so recht eignen, kommen in den Kessel, der immer noch beheizt ist, um das beliebte Kesselfleisch zu bereiten.

Nachdem die Bewohner unseres schönen Landes häufig unter einer rauhen Schale ein weiches Herz verbergen, und weil die Arbeit des Schlachtens auch Durst macht, versuchen die Teilnehmer einer Hausschlachtung, ihre Tierliebe und alle anderen trockenen Gefühle im Hals durch möglichst große Mengen von Bier zu ertränken. Fortgeschrittene Hausschlachter, wie mein alter Spezi Fritz, bei dem ich schon oft zum Kesselfleisch eingeladen war, verwenden zusätzlich noch eine Flasche Obstler. Durch die großzügige Verwendung von einem Tragl Bier und des ganz vorzüglichen Obstlers gab es bei diesem ansonsten voll geglückten Kesselfleischessen auch einen kleinen Mißklang.

Die Dame des Hauses war nämlich der Ansicht, wir sollten nicht so viel trinken, sondern lieber erst "Wursten", das heißt, Blut- und Leberwürste sowie Pressack bereiten.  Und überhaupt hätten wir eine schöne "Sauerei" angerichtet in unserem "Saurausch", und ob sie das wohl alles selber saubermachen müsse. Wir fühlten uns an der Ehre gepackt und wursteten drauf los, daß es eine reine Freude war, und schließlich, nach dem Saubermachen, fand das Fest ein friedliches Ende in Form eines ebenso tiefen wie wohlverdienten Schlafes.

Ein paar Tage später gab es ein Nachspiel. Der Pressack, obschon er ausgezeichnet schmeckte, ließ sich so schlecht schneiden. Als Ursache fanden wir nach und nach 20 Kronenkorken, die beim Aufräumen irgendwie in den Pressack geraten waren. Der Fritz meinte, seine Frau sei schuld, weil sie ihn so gehetzt habe beim Wursten und Aufräumen. Die Frau meinte, unsere Sauferei vor dem Wursten sei schuld. Ich meine, die Europäische Union ist schuld. Weil früher, da gab es nur Bierflaschen mit einem festen Schnappverschluß. Die blöden Kronenkorken sind in Bayern erst mit der genormten Euro-Einheitsflasche aufgekommen...

Fotos: Leo Ebner

Nachbemerkung No. 1

Zur praktischen Seite einer Hausschlachtung. Wie geht das eigentlich mit dem Wursten? Gerold ist Bauernsohn und gelernter Metzger. Aber die meiste Zeit seines Berufslebens hat er an einem Schreibtisch verbracht. Von ihm, der nicht nur mit Fritz schon so manche Hausschlachtung zu einem glücklichen Ende gebracht hat, habe ich die folgenden Rezepte. Gerold ist übrigens durch seine Schwester mit dem Bauern Josef Staffler versippt. 

Von dem wurde schon berichtet#Der Tod des Bauern Josef Staffler

Jetzt geht es erst mal um die Wurst. Die Blutwurst. Auch  wenn einer in der Stadt wohnt, aber wenigstens einen Garten hat, könnte er nach der hier geschilderten Methode ohne weiteres ein Kesselfleischessen veranstalten und selber wursten. Selber Schlachten ist natürlich verboten. Und die Nachbarn dürfen halt keine vegan oder vegetarisch gesonnenen,  grün angehauchten Tierschützer sein. Von  der Sorte, die nur Tofuburger oder Maiskolben grillen, wenn überhaupt. Die sofort die Polizei anrufen, wenn sie was politisch nicht Korrektes mitkriegen. Alle tierischen Zutaten kann man ohne Probleme im nächsten Schlachthof bestellen. In München habe ich es schon ausprobiert. War, so sagen alle, die dabei waren, lustiger als das ewige Grillen auf einer Kiesbank am Flauchersteg.

Das wichtigste bei Blut- wie Leberwurst ist die Suppe. Also heizt man einen großen Topf oder Kessel an, mit mindestens zehn Litern Salzwasser. Wenn das Wasser kocht, kommt ein ganzer Schweinskopf hinein, bitte mit Schweinebacken, die sonst gerne  als Spezialität extra zubereitet werden. Vier große ganze Metzgerzwiebel , zwei bis dreihundert Gramm Schweineleber, die ganze Lunge einer Sau, das Darmgekröse und die Milz werden gut zwei Stunden lang mit dem Kopf zusammen gekocht. Das Schwanzerl nicht vergessen! Ich schmeisse immer noch ein ziemlich großes Stück von der Schulter  in den Kessel. Vom Fritz habe ich gelernt: Gibt nix Besseres, als ein mageres Trumm Fleisch von einem fetten Viech. Ja, und eine Seite kernigen Specks gehört ebenfalls noch in die Suppe. Wir haben nebenbei die ganze Zeit Bob Dylan gehört, den Nuschler mit der knarzigen Stimme, der für seine wunderbaren Songtexte den Literatur-Nobelpreis gekriegt hat.

In einem separaten Haferl, das nicht so groß sein muß, bereite ich mit einem guten halben Liter Wasser vier Schweinspfoten und die Ohren der Sau. Eine dreiviertel Stunde sieden lassen genügt. Auf ein paar Minuten hin oder her kommt es beim Kesselfleisch nicht an. Am liebsten mag ich aus der Suppe Brocken vom Schulterfleisch, dazu trockenes Bauernbrot, gehackte rohe Zwiebel und natürlich ein kühles Bier.

Dann fangen wir mit der Blutwurst an. Ein halber Liter Schweineblut, gerührt, nicht geschüttelt, wie James Bond immer zu sagen pflegte. Drei Achtel Liter Fleischsuppe. Wegen der Bindung ein bisserl Sud von Pfoten und Ohren dazu geben. Dann braucht man einen Fleischwolf. Meiner ist gusseisern und in Italien gekauft. Man kann damit - mit einem anderen Einsatz, versteht sich - auch Spaghetti machen. Durchgedreht werden 100 Gramm kernige Schweinebacke mit Schwarte und eine ganze Zwiebel. An Gewürzen braucht es Salz, Pfeffer, Majoran und Piment. Mischung nach Gefühl. Das komplette Durchdrehen von Schwarte und Backen hat den Vorteil, daß in der Blutwurst später keine Speckbröckerl sind, die ich nicht so mag, sondern eine gleichmäßige, würzige Füllung. Dieses Brät wird in Naturdarm abgefüllt, der heutzutage meist von chinesischen Schafen stammt. Darm mit Schnur auf die jeweilige Wurstlänge abbinden und eine halbe Stunde bei zirka 70 Grad sieden. Fertig.  Oder: sobald die Blutwürste abgekühlt sind, noch ein bisserl in einen transportablen Räucherkamin hängen. Gibt`s auch ziemlich günstig, natürlich Made in the People`s Republik of China.

Für die Leberwurst nehme ich Lunge, Milz, Darmgekröse, ein paar Bröckerl Fleisch und alles, was eventuell vom Blutwurst machen übrig geblieben ist. Aber kein Blut! Fleisch, das mit Blut in Berührung gekommen ist, muß sauber abgewaschen werden. Alles mit zwei rohen Zwiebeln durch den Wolf drehen. Gewürze sind wieder Salz, Pfeffer, Majoran und Piment. Majoran etwas großzügiger, vom Piment nur eine Prise. Ich mag auch noch etwas Knoblauchpulver dazu. Ab in den Naturdarm aus China, abbinden, wie bei der Blutwurst geschildert und ebenso ziehen lassen. Mahlzeit!

FINGERNÄGEL VON ELISSAVET KOTSALOU

BÜGELVERSCHLUß VON HACKER-PSCHORR




Nachbemerkung No. 2

Der Zeitgeist hat sich schon wieder gedreht. Weisungen aus Brüssel zunehmend hinterfragt. Anlagen für Flaschen mit abweichenden Normen, auch Abfüllanlagen für Flaschen mit Bügelverschluß, werden landauf, landab neu gebaut. Allein die Münchner Brauerei Hacker-Pschorr hat dafür über 40 Millionen Euro ausgegeben. Die europäische Uniform empfinden immer mehr Menschen als Zwangsjacke. Regional und Retro ist angesagt,  auch bei Bierflaschen. "Nein" zur schrankenlosen Globalisierung, zum entfesselten Weltmarkt. Ein demokratisches Votum im Kleinen, abgegeben mit dem Leergut im Getränkemarkt.


Nachbemerkung No. 3


Ohne Fritz und seine Frau zu erwähnen, habe ich vor vielen Jahren die Geschichte von der Hausschlachtung für`s Fernsehen verfilmt. Damals hieß die Europäische Union(EU) noch Europäische Gemeinschaft(EG). Solange ist das schon her. Aber viele Beobachtungen und Prozeduren in Brüssel haben sich seit damals kaum geändert.

Hausschlachten: Schiessen, Brühen, Rasieren, Kesselfleisch, halt alles, was dazu gehört. Gedreht haben wir vor und im Stall einer lieben Nachbarin, und die Sache geriet sehr realistisch. Ich glaube nicht, daß heute noch ein Sender sowas ausstrahlen würde, es sei denn, die Schlachtung spielte bei einem indigenen Stamm auf Borneo und wäre klimaneutral.  

Eine Moderatorin, der man zu Beginn ihrer Laufbahn mehr oder weniger jeden Satz aufschreiben mußte, den sie in der Sendung locker-verkrampft lächelnd dann vom Teleprompter ablas, wollte vor der Aufzeichnung den Beitrag sehen. Schon nach den ersten Szenen zeigte sie Ekel und stieß, demonstrativ würgend, spitze Schreie aus. Vegetarierin oder gar Veganerin war sie beileibe nicht. Aber sie kannte, wie die  meisten Zeitgenossen, Schnitzel und Schinken nur aus dem Supermarkt oder besseren Restaurants. Seit vielen Jahren ist sie mit einem Groß-Putenmäster verheiratet. Gegen Massentierhaltung hat sie demnach wohl nichts, aber dafür einen erheirateten Titel aus dem niederen Landadel. Der Gatte ist ein "von" und Freiherr. Für eine dauerhafte Karrierre bei den "Öffentlich-Rechtlichen", inklusive C-Promi-Status, hat`s allemal locker gereicht.

-btk-

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Hausschlachtung  -  Der Film (8:03)